Es gibt gewichtige Gründe,
warum die Beschäftigung mit dem Thema Amalgam leider auch heute noch notwendig bleibt.
Die medizinisch-wissenschaftliche Forschung der vergangenen zehn bis 15 Jahre hat eindeutig bewiesen, daβ Amalgamfüllungen den menschlichen Organismus belasten, weil toxische Substanzen wie Quecksilber, Kupfer, Zinn und Silber nachweislich aus den Füllungen freigesetzt werden, zum Teil vom Körper aufgenommen und in unterschiedlichen Geweben gespeichert werden. Diese internationale Forschung hat auch eindeutig nachgewiesen, daβ - je nach individueller Suszeptibilität, - bedingt durch heute zum Teil bekannte genetischen Polymorphismen, zumindest Teile der Bevölkerung - realistische Schätzungen sprechen von 5 – 7 % der europäischen Bevölkerung - , nicht nur übermaßen belastet werden, sondern ganz konkret erkranken, wobei die Beschwerden von leicht bis hin zu dramatischen Erkrankungen variieren können.
Wenn 5 – 7 % der AmalgamträgerInnen daran erkranken - sogar wenn es nur 1 % wäre, so wäre dies nicht nur aus Gründen des Vorsorgeprinzips, sondern allein auch schon aus Gründen der „santé publique", der Volksgesundheit inakzeptabel und unerträglich, das Quecksilberamalgam müsste demgemäß sofort vom Markt genommen werden.
Einige Zahlen nur, um die zahlenmäßige Dimension der Amalgamproblematik zu illustrieren. Eine schwedische wissenschaftliche Untersuchung, die vor wenigen Jahren von der Universität Stockholm durchgeführt wurde, schätzte die Zahl der Amalgamkranken in Schweden auf 6 % der schwedischen Bevölkerung. Eine Extrapolation dieser Prozentzahl auf Luxemburg ergäbe tausende Menschen, die unter der einen oder anderen Form Gesundheitsprobleme durch Amalgam hätten, für Deutschland wären es über 4 Millionen Menschen, in Europa über 20 Millionen.
Diese Zahlen mögen überhöht und auch erschreckend erscheinen, sie erscheinen mir aufgrund meiner Erfahrungen in einer über zehnjährigen Beratungspraxis über Amalgam, Schwermetalle und andere Umweltgifte allerdings als nicht allzu realitätsfremd. Und ob es nun nur 2 – 3 % oder 6 % oder mehr sind, die unter chronischer Quecksilber und Metallbelastung leiden, ist an sich relativ unerheblich. Stoffe wie von der Zahnmedizin zur Versorgung kariöser Zähne eingesetzt werden, - und Quecksilber spielt da bei weitem die problematischste Rolle - , dürfen ganz einfach nicht krank machen!
Warum chronische Langzeitexpositionen im Niedrigdosis bereich durch Amalgamfüllungen auf vielfältigen Ebenen belastend und zum Teil Krankmachend sein können, ergibt sich allein schon durch die schleichende, aber heimtückische Wirkung der Hauptkomponente Quecksilber, obschon auch andere Metalle der Zahnrestauration vor allem immunologisch problematisch sein können, auch sogenannte Edelmetalle.
Chronische Quecksilberbelastungen sind nicht harmlos, sondern problematisch, und es ist kein Zufall, daβ noch vor kurzem die UNEP, die Umweltorganisation der UNO unter dem Vorsitz von Herrn Töpfer zusammen mit den Umweltministern beschlossen hat, weltweit Aktionspläne gegen die internationale Quecksilberverschmutzung und zur Reduzierung aller Quecksilberquellen durchzuführen.
Quecksilber ist ohne Zweifel das problematischste Schwermetall: Quecksilber ist zelltoxisch, inaktiviert und verbraucht lebensnotwendige Enzyme und Spurenelemente, Quecksilber wirkt prooxidativ, immuntoxisch und neurotoxisch, und in der umweltmedizinischen Forschung werden auch negative Auswirkungen auf die Schleimhäute, auf Binde - und Stützgewebe sowie auf der hormonellen Ebene berichtet: Hypophyse, Schilddrüse, Reproduktion usw.
Von besonders gefährlicher Bedeutung gerade auch im Langzeit-niedrig-dosisbereich erscheint dabei vor allem die Neurotoxizität sowie die Immunotoxizität:
Neurotoxizität im Sinne von kognitiven Störungen, aber auch im Bereich von neuropsychiatrischen Schädigungen, Immunotoxizität sowohl auf der Ebene der Immunschwächung wie auch, bei genetisch Prädisponierten, in der Ausbildung von zum Teil schweren Autoimmunerkrankungen der unterschiedlichsten Gewebe oder Organe.
Die zahlreichen, die vielfältigen und unterschiedlichen Beschwerdebilder, über die sich Amalgamgeschädigte bei Umweltmedizinern und Patientenberatungsstellen immer wieder beklagen, lassen sich auf die unterschiedlichen Einwirkungsweisen und Wirkorte des Amalgams sowie auf individuelle Suszeptibilitäten, die genetische Prädispositionen und die Entgiftungsfähigkeiten der Betroffenen zurückführen, wobei bei einer Reihe dieser Menschen zum Teil auch noch weitere Mischintoxikationen aus belasteter Nahrung oder belasteten Wohnungen dazukommen.
Ich hatte vorhin kurz hingewiesen auf die Besorgnis der Umweltminister über die weltweite Belastung unserer Umwelt mit Quecksilber aus den unterschiedlichsten Quellen und auf die gemeinsam verabschiedeten Aktionspläne der UNEP zur schnellstmöglichen Reduzierung aller Quecksilber - Emissionsquellen: Kohlekraftwerke, Verbrennungsanlagen, Krematorien, Goldminen und Goldwaschen, aus Instrumenten wie z. B. Fieberthermometern und in einzelnen Ländern z. Teil auch aus Salben oder Impfstoffen. Dieses neue Bewusstsein über die Risiken des Quecksilbers, diese Aktions- - und Reduzierungspläne sind notwendig und richtig.
Seltsam in diesen neuen Stellungnahmen erscheint bloß, daβ Ausstiegspläne für all die oben erwähnten Emissionsquellen von Quecksilber diskutiert und erstellt werden, über die Hauptbelastungsquelle des Durchschnittsmenschen, nämlich das Quecksilberamalgam im Mund, in dem UNEP - Bericht aber nur wenig gesagt wird. Laut Insiderkreisen soll allerdings der mit der Erstellung des Berichts beauftragten Forschern nahegelegt worden sein, sich nicht mit Amalgam - Quecksilber zu befassen! Wenn dies stimmt, so wäre das in meinen Augen nicht nur ein unglaublicher, sondern auch ein absolut skandalöser Vorgang: alle möglichen Quecksilberquellen weltweit sollen also reduziert oder eliminiert werden, nur die auch laut Weltgesundheitsorganisation größte tägliche Aufnahmequelle, das Quecksilber im Mund, braucht nicht eliminiert zu werden. Anders ausgedrückt: Quecksilber ist überall ein problematischer Stoff, außer wenn es aus unseren Zahnfüllungen ausgast!!!
Trotz sehr zahlreicher, amalgamkritischer und zum Teil beunruhigender Forschungsergebnisse aus den vergangenen Jahren, trotz kritischer Studien und Gutachten von Universitäten, z. B. dem Kieler Gutachten oder dem rezenten Bericht der „Internationalen Akademie für orale Medizin und Toxikologie“, trotz Regierungsberichten aus Schweden oder Kanada, trotz ständig neuer Befunde hinsichtlich der Auslösung oder Mitauslösung z. B. von Autoimmunerkrankungen und degenerativen Erkrankungen durch Metalle, durch Nickel, Quecksilber oder Gold, beharren die meisten Zahnärztegesellschaften auf ihrer These von der praktisch uneingeschränkt gültigen Sicherheit von Amalgam, und auch von den meisten Gesundheitsbehörden und Krankenkassen wird dieser Stoff immer noch als Mittel der Wahl angesehen, auch wenn es in einigen Ländern in der Zwischenzeit, vor allem auf Druck der Anti-Amalgambewegungen, zu mehr oder weniger weit gehenden Einschränkungen gekommen ist: die Einschränkungen beziehen sich zumeist auf schwangere und stillende Frauen, auf Kleinkinder, Menschen mit Quecksilberallergie oder eingeschränkter Nierenfunktion. Daneben wird in Frankreich z. B. offiziell geraten, nicht zuviel Kaugummi zu kauen, in Italien und Deutschland wird angeraten, wegen möglicher Korrosionsrisiken kein neues Amalgam im Umfeld von anderen Metallrestaurationen einzubringen, in Schweden erfolgt ein Ausstieg aus dem Amalgam, indem die Kassen dieses Material nicht mehr bezahlen, auch Norwegen scheint gewillt, die Verwendung von Amalgam ab diesem Jahr langsam auslaufen zu lassen, und in den USA gibt es in einer Reihe von Bundesstaaten seit vergangenem Jahr sowohl politische Initiativen zur Amalgambeschränkung als auch großangelegte Gerichtsverfahren, wobei es ähnlich wie bei den Anti-Tabakklagen diesmal den Herstellern von Amalgam, den Zahnärzteverbänden und den Zulassungsbehörden an den Kragen gehen soll.
Die Verteidiger des Amalgams befinden sich medizinisch-wirtschaftlich ganz klar in der Defensive. Ihre letzten Verteidigungslinien lauten heute:
1. allein klassische Blut- und Urinanalysen können Auskunft geben über eine Quecksilberintoxikation, und solange beim Biomonitoring in diesen Transport- und Ausscheidungsmedien keine erhöhten Werte gefunden werden, könne es keine Gesundheitsgefährdungen geben!
2. Es sei nicht erwiesen, daβ das in Organen oder Geweben angereicherte Quecksilber ausreiche, um krank zu machen!
Aber auch diese letzteren Verteidigungslinien sind durch die internationalen Forschungsergebnisse der vergangenen Jahre ziemlich brüchig geworden: Neuere Forschungsergebnisse über die pathophysiologischen Wirkungen des Amalgam-Quecksilbers auf das Immunsystem, die Niere, die Mund- und Darmbakterien, das Zentral-Nervensystem, die Fortpflanzung usw. weisen immer deutlicher auf nicht unerhebliche Gesundheitsrisiken hin.
Und, was unabhängige Forscher, vor allem aus den Bereichen Immunologie und Toxikologie schon seit längerem postuliert hatten, daβ es nämlich überhaupt keinen Grenzwert oder Wirkungsschwellenwert gibt, unterhalb dessen toxische Wirkungen des Quecksilbers ausgeschlossen sind, da die individuelle Empfindlichkeit gegenüber diesem Stoff äußerst unterschiedlich ist, wurde vergangenes Jahr auch noch durch die neue Studie von Prof. Drasch und O’Reilly über die Minenarbeiter und Einwohner der Insel Mindanao auf den Philippinen eindrucksvoll bestätigt!
Amalgam ist nachgewiesenermaßen ein für viele Patienten unverträglicher, gesundheitsschädigender Stoff und sollte deshalb umgehend vom Markt genommen werden, Alternativen, die es weitgehend ja schon gibt, sollten weitaus stärker beforsch und zum Einsatz gebracht werden, und schließlich sollte aus Gründen der Volksgesundheit natürlich auch die Kariesprävention noch viel massiver gefördert werden.
Jean Huss
