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Interphone Studie

Pressekonferenz: 17. Juni 2010

Neue Studie gibt ENTWARNUNG FÜR MOBILFUNK ...
oder etwa nicht

Am vergangenen 18. Mai veröffentlichte das IARC (Internationale Agentur für Krebsforschung) die Ergebnisse einer lang ersehnten Studie INTERPHONE in einer wissenschaftlichen Zeitschrift. Es handelt sich um eine groß angelegte Studie die parallel in 13 verschiedenen Ländern durchgeführt und von der Weltgesundheitsorganisation WHO beziehungsweise der IARC koordiniert wurde. Eigentlich waren die Ergebnisse für das Jahr 2004 vorgesehen, die Studien wurden demzufolge zum größten Teil vor 2004 durchgeführt.

Ziel der Studie war herauszufinden ob ein Zusammenhang zwischen bestimmten Krebsarten (Gehirntumore) und dem Gebrauch von Mobilfunktelefonen besteht, also ob Telefonieren mit dem Handy krebserregend ist. Die Studie beruft sich auf Befragungen (Interviews) von Krebspatienten (vor allem Hirntumore) sowie einer Kontrollgruppe von Gesunden, eingeteilt jeweils in Bezug auf ihre Mobilfunktelefongewohnheiten (Häufigkeit und Dauer der geführten Handytelefongespräche).

Die jetzt veröffentlichte Interphone-Studie kommt zum Schluss, dass ein solcher Zusammenhang nicht nachgewiesen wurde, demnach Mobilfunk also voraussichtlich nicht krebserregend sei (zumindest in Bezug auf Hirntumore). Demnach also Entwarnung ...eine kritische Betrachtung relativiert die Ergebnisse der Interphone-Studie jedoch massiv und weist teilweise in eine ganz andere Richtung.

1. Die Interphone-Studie begrenzt sich auf Mobilfunkgespräche, also Strahlenbelastung durch das Handy. Andere Verursacher der gleichen Strahlung wie Mobilfunkantennen, WiFi, WLan, DECT-Telefone, Spielkonsolen, ...) werde nicht berücksichtigt. Das ist in etwa so als würde zu einer Studie über die Schädlichkeit von Alkohol nur der Weinkonsum, nicht aber Bier, Sekt oder andere Alkoholsorten betrachtet.
2. Üblicherweise werden bei Studien wie dieser "belastete" (also Mobilfunkbenutzer) mit "unbelasteten" (demnach keiner Strahlung ausgesetzten) Kontrollgruppen verglichen. Solch "unbelastete" Kontrollgruppen gibt es jedoch heute kaum noch (vielleicht im tiefen Dschungel Südamerikas). Aus diversen Gründen wurden bei der Interphone-Studie "belastete" Gruppen (definiert als regelmäßige Handynutzer) mit "weniger belasteten" (unregelmäßigen) Kontrollgruppen verglichen.
3. Zudem wurde diese Gruppe von "weniger aber nicht Unbelasteten" lediglich nach Handynutzung beurteilt. Ob diese Kontrollgruppe vielleicht zuhause Schnurlostelefone (DECT) verwendet oder über WiFi im Internet surft, was in punkto Strahlenbelastung der Handynutzung gleichkommt wurde nicht ermittelt. Demnach bleibt unbewiesen, dass es sich tatsächlich um "weniger belastete" Kontrollgruppen handelt. Es kann also nicht ausgeschlossen werden, dass Handynutzer mit Schnurlostelefonierern (also Gleichgesinnten in Bezug auf Strahlenbelastung) verglichen werden, wobei erwartungsgemäß keine Unterschiede bezüglich eines möglichen Krebsrisikos zu erwarten sind.
4. Krebs entsteht normalerweise erst Jahre oder Jahrzehnte nach einer Exposition. Man spricht von Latenzzeit, die bei Asbestfasern und Lungenkrebs beispielsweise 30 bis 40 Jahre, bei Gehirntumoren 15 bis 30 Jahre beträgt. Zur Erinnerung, die Mobilfunktechnologie wird flächendeckend seit 1997 eingesetzt und die Befragungen der Studie fanden größtenteils vor 2004 statt.
5. Die Befragungen weisen einen sehr hohen Anteil an Nicht-Beantwortungen sei es durch Patientenverweigerung, durch Verweigerung des behandelnden Arztes, durch Krankheit oder Tod des Patienten oder durch andere Gründe. So verweigerten bei den Tumorpatienten 36% bei der Kontrollgruppe 47% der Personen die Befragung. Die Frage stellt sich inwiefern dies nicht eine selektive Auswirkung auf die Ergebnisse hat, da davon auszugehen ist, dass in den verschiedenen Gruppen die Befragten nicht im gleichen Maß abspringen (was übrigens von den Autoren im Anhang der Studie bestätigt wird).
6. Die Befragungen beschränken sich auf die Altersgruppen zwischen 30 und 59 Jahren ; gerade die sensiblen Altersgruppen wie Kinder, Jugendliche oder ältere Menschen (nicht zu sprechen von Schwangeren und Ungeborenen) wurden von der Studie ausgeschlossen. So hat beispielsweise die Europäische Union beschlossen zusätzlich eine Studie zu Auswirkungen bei Kindern (MobiKids) in Auftrag zu geben.
7. Je nachdem, welches der 13 teilnehmenden Ländern man aus der Studie ausklammert, unterscheiden sich die Ergebnisse der Studie zum Teil sehr deutlich: lässt man beispielsweise die dänischen Ergebnisse außer Acht, so besteht der Interphone-Studie zufolge kein erhöhtes Risiko für Gehirntumoren, während das Risiko bei einer Nicht-Berücksichtigung der Ergebnisse aus Israel um 40% zunimmt. Demnach drängt sich die rhetorische Frage auf, ob das Krebsrisiko durch Mobilfunk von der Nationalität der Betroffenen abhängt.
8. Schließlich weist die Studie sehr wohl einen Zusammenhang zwischen Hirntumoren und Mobilfunknutzung auf, nämlich bei so genannten "Heavy Usern" bei denen das Risiko um das 1,4fache steigt. Diese "Heavy User" werden definiert als Personen die umgerechnet 30 Minuten täglich über einen Zeitraum von 10 Jahren telefonierten. Dieser Definition entsprechen heutzutage ein Großteil der Bevölkerung, insbesondere auch Jugendliche.


Demnach ein eindeutiger Zusammenhang, auch nach Meinung renommierter Wissenschaftler: Professor Lennart Hardell von der Universität Örebro in Schweden schlussfolgert: „die Ergebnisse untermauern die Resultate anderer Studien, dass das Benutzen von Mobilfunk das Risiko von Hirntumoren vergrößert“. Professor Lasfargues, wissenschaftlicher Vize-Direktor der französischen Afsset (Agence française de sécurité sanitaire de l‘environnement et du travail): „die Ergebnisse der Studie heben zwar kein erhöhtes Risiko in Bezug auf Hirntumore hervor, sie erlauben jedoch auch nicht solche Risiken auszuschließen“.

Selbst die Verantwortlichen der Interphone-Studie raten zur Vorsicht: Professor Elisabeth Cardis, ehemalige Leiterin der Interphone-Gruppe: „Der schnelle Aufstieg der Mobilfunknutzung durch junge Menschen wurde in der Interphone-Studie nicht berücksichtigt. Die Ergebnisse beunruhigen in dem Maße, wo es sich bei den befragten Personen der Studie eigentlich um „leichte Handyuser“ in Vergleich zu der heutigen Nutzung von Mobilfunkgeräten handelt, insbesondere mit Blick auf die Jugendlichen“. Dr Wild, Direktor der IARC: „Auch wenn aufgrund dieser Resultate nicht auf ein erhöhtes Krebsrisiko geschlossen werden kann, so ist nichtsdestotrotz weitere Forschung notwendig, insbesondere weil die Nutzung des Mobilfunks heute viel intensiver ist als zur Zeit der Interphone-Studie, auch bei Jugendlichen“.

Auch die Weltgesundheitsorganisation, die IARC und die Europäische Union scheinen durch die vorliegenden Ergebnisse nicht befriedigt und kündigen weiterführende Forschung an. Ergebnisse erwarten sie für 2011 (IARC), 2012 (WHO).

Diesen Aussagen schließt sich AKUT an: zum einen vermag die Interphone-Studie es nicht ein Krebsrisiko durch Mobilfunk auszuschließen, im Gegenteil bei einer täglichen Nutzung von 30 Minuten (!) verdichten sich die Hinweise auf krebserregende Effekte. Zum anderen bleiben zwei Bemerkungen anzuführen: erstens beschränken sich mögliche Auswirkungen durch Mobilfunk nicht auf Krebs und schon gar nicht auf Hirntumore. Es gibt Studien mit Hinweisen auf hormonelle Krebsarten (z.B. Brustkrebs) sowie auf zahlreiche andere gesundheitliche Symptome, die nicht mit Krebs verbunden sind. Es ist somit extrem vereinfacht und gefährlich, die Forschung auf Krebs oder bestimmte Krebsarten wie Hirntumore zu beschränken. Zum zweiten ist das Handy beziehungsweise dessen Nutzung nur ein beschränkter Teil der Strahlenproblematik, nur eine von vielen hochfrequenten Strahlungsquellen, andere Verursacher wie GSM-Antennen, Schnurlostelefone (DECT), WiFi, WLan, usw. kommen hinzu, so dass mittlerweile selbst ein „Nichthandynutzer“ durchaus in Bezug auf die Belastung einem „Heavy-User“ der Interphone-Studie entspricht.

Um es abschließend in der Sprache der Fußballweltmeisterschaft zu halten: die Interphone-Studie erinnert an ein stark abseitsverdächtiges Tor, WHO und IARC gehen in die Verlängerung und AKUT bleibt weiterhin am Ball


Ralph baden
Diplombiologie, Baubiologe,
Vizepräsident AKUT asbl.