Sind umweltfreundliche Farben unproblematisch?
In den letzten Jahren haben sich die sogenannten umweltfreundlichen oder “biologischen” Farben und Lasuren zunehmend gegen die klassischen Lösemittel-haltigen Farben, Lasuren oder Lacke durchgesetzt.
Zu den umweltfreundlichen oder biologischen Produkten gehören in erster Linie Dispersionsfarben und –lacke, sowie Naturfarben und –lasuren. Bei diesen Produkten werden die klassischen leichtflüchtigen organischen Lösemittel oder VOC (volatile organic compounds) entweder durch das Lösemittel Wasser – bei wasserlöslichen Dispersionsfarben - oder aber durch natürliche Öle, den sogenannten Terpenen ersetzt.
Allerdings sind diese Produkte nicht unproblematisch und können mitunter zu einer monatelangen oder gar Jahre andauernden Belastung der Raumluft beitragen.
Dispersionsfarben
Als Lösemittel wird bei diesen Produkten Wasser eingesetzt. Da jedoch Wasser nicht die gleichen technischen Eigenschaften besitzt wie die klassischen VOC, werden zusätzliche Additive beigemengt, um dieses Manko auszugleichen, so zum Beispiel Verdunstungshemmer, Bindemittel, Emulgatoren oder Entschäumer. Da Wasser zusätzlich Schimmelpilzwachstum begünstigt werden außerdem Fungizide und Topfkonservierer (Isothiazolinone) eingesetzt. Häufig sind diese Zusatzstoffe giftiger als die ursprünglich verbannten VOC. Außerdem dürfen diese Farben immerhin noch bis zu 16 Prozent an aliphatischen VOC enthalten. Die als Verdunstungshemmer eingesetzten Glykolether sind weniger leichtflüchtig als die klassischen Lösemittel, so daß sie nur allmählich aus der gestrichenen Farbe ausgasen und in die Raumluft übergehen. Dadurch kommt es bei Dispersionsfarben entsteht im Gegensatz zu den ursprünglichen VOC, die nach zwei Wochen praktisch vollständig aus der Fabre diffundiert sind, zu einer monatelangen oder gar jahrelangen Belastung der Raumluft durch Glykolether welche im Vergleich zu Lösemitteln wie Toluol oder Testbenzin zudem noch weitaus toxischer sind.
Naturfarben und –lasuren
Naturfarben fallen meist durch ihren angenehmen Duft nach Zitronen (Limonen), Kiefernholz (α- & β-Pinen) oder anderen Pflanzenessenzen (δ-3-Caren) auf. Verantwortlich für diese Aromen sind so genannte Terpene die in Naturfarben oder –lasuren als Lösemittel enhalten sind. Leider sind diese Terpene auch wenn sie angenehm riechen nicht unbedenklich und können durchaus allergieserende Wirkungen entfalten. Limonen steht sogar im Verdacht auf krebserregende Wirkung.
Als Beispiel sei an dieser Stelle der Fall eines deutschen Kindergartens aus dem Jahre 1996 erwähnt, in dem ein Jahr nach einer Renovierung inklusive Anstrich mit “Biofarben” die Kindergärtnerinnen und die Kinder sich über Reizungen der Nase , der Augen und der Haut beschwerten. Messungen durch die Materialprüfanstalt der Universität Stuttgart ergaben deutlich erhöhte Raumluftbelastungen durch Terpene, insbesondere durch Limonen(48 µg/m3) und alpha-Pinen (36 µg/m3). Erst nach einer umständlichen Sanierung konnten die Klassenräume wieder beschwerdefrei genutzt werden.
Eine weitere Studie der Materialprüfanstalt der Uni Stuttgart verglich die Raumluftkonzentrationen an Terpenen in kon-ventionell gebauten (K1-K5) und alternativ gebauten Gebäuden (A1-A5) im Jahre 1996.
Dabei waren die alternative gebauten und demnach mit Naturfarben gestrichenen Gebäude weitaus starker mit Terpenen belastet als die konventionell gebauten.
In sämtlichen fünf untersuchten alternativen Gebäuden war allein schon aufgrund der Terpene, der Richtwert für alle VOC zusammen (300 µg/m3) überschritten, während vier der konventionell gebauten Gebäuden deutlich unterhalb diesem Richtwert lagen.
Ein weiteres Problem bei manchen Naturfarben sind die verschiedenen Aldehyde, allen voran das Formaldehyd, das Hexanal, das Propanal oder das Nonanal . diese Schleimhaut- und Augen-reizenden Stoffe sind zwar in dem Farbprodukt nicht enthalten , entstehen jedoch infolge einer Reaktion der in den Farben enthaltenen pflanzlichen Fettsäuren mit dem Sauerstoff der Raumluft, wodurch die Aldehyde entstehen. Dieser Oxydationsprozess kann über Monate und Jahre andauern wie die Messungen nach einer Renovierung durch die Arbeitsgemeinschaft ökologischer Forschung (AGÖF – Köhler 200) verdeutlichen. Erst fünf Jahre nach der Renovierung fielen die Messwerte unter den Richtwert für VOC von 300 µg/m3.
Mineralfarben
Reine Mineralfarben, das heißt ohne organische Zusätze, sind im Prinzip unproblematisch, das heißt sie geben keine Schadstoffe an die Raumluft ab. Zudem sind sie unempfindlich gegenüber Schimmelpilzen, da diese organisches Substrat als Nahrung benötigen. Schließlich sind sie offenporig und wasserdampfdurchlässig und somit atmungsaktiv und können auf diese Art und Weise zu einem gesunden Raumklima beitragen. Zu den Mineralfarben gehören beispielsweise Silikatfarben (nicht auf Gipsputz), Lehmfarben oder Kalkfarben. Nachteil dies Farben: der Untergrund muss offenporig sein und die Farbe aufnehmen können, PVC-Tapeten oder Glasfasertapeten können demnach nicht mit Mineralfarben überstrichen werden. Auch zum Überstreichen eines alten filmbildenden Anstrichs bei einer Renovierung eignen sich die Mineralfarben nicht. Auf keinen Fall sollte ein Voranstrich durch eine Grundierung erfolgen, da dieser die positiven Eigenschaften des Mineralanstriches zunichte macht.
Fazit
Die richtige Wahl der Farbe hängt letztendlich von der Raumnutzung, dem zu streichenden Untergrund sowie dem Anspruch an den Anstrich ab und sollte demnach im Einzelfall entschieden werden. Pauschal muß vor einem allzu sorglosen Einsatz mit Naturfarben oder –lasuren abgeraten werden. Dispersionsfarben stellen aufgrund der Glykolether keine biologische Alternative dar.
Und schließlich stinken klassische lösemittelhaltige Farben und Lacke zwar anfangs , das heißt unmittelbar nach dem Anstrich sehr stark und geben dementsprechend hohe Schadstoffkonzentrationen an die Raumluft ab. Allerdings sind die VOC demnach auch schnell verflogen, so daß nach zwei bis drei Wochen praktisch keine Raumluftbelastung mehr durch diese Farben festgestellt werden kann. Somit stellen auch diese konventionellen Farben eine Alternative dar, zumindest bei einem Neubau, den die Bewohner erst zu einem späteren Zeitpunkt, das heißt einige Wochen nach dem Anstrich beziehen
Ralph Baden
(Diplombiologe, Baubiologe).
